Archive for the ‘Selmer Padless’ Category
Die Padless Technologie
Montag, Oktober 15th, 2007Zugegeben, führt man sich vor Augen, dass das Saxophon eine Erfindung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ist, muss einen der Detailreichtum und die Präzision dieses Instruments schon faszinieren. Mit älterer Technologie wäre so etwas wahrscheinlich nicht machbar gewesen. Schon die – immerhin noch mit einem Holzkorpus gesegnete – Klarinette ist in der Form, wie wir sie heute kennen, noch nicht so besonders alt. Viele der heute als üblich angesehenen Klappen waren zu früheren Zeiten noch ganz normale Tonlöcher, die mit den Fingern des Spielers verschlossen wurden.
Schaut man sich das Patent für die Tonlochabdichtung des Selmer Padless an, stellt sich entsprechend die Frage, warum nicht auch diese Idee schon früher aufgegriffen wurde – benötigen doch die Dichtungsringe um die Tonlochkamine ganz erheblich viel weniger Dichtungsmaterial als die üblichen Klappenpolster.
Aber genau in diesem Minimalismus liegt der Haken an der Sache, und wahrscheinlich auch der Grund, warum die Technik sich bislang noch nicht durchsetzen konnte (wenn wir einmal von dem ganz profanen Grund absehen, dass es in der Konsequenz seit 1942 nicht mehr versucht wurde!)
Die nötige Technologie zur Herstellung der benötigten Tonlochringe hätte schon zu Adolphe Sax’ Zeiten zur Verfügung gestanden – daran kann angesichts der ansonsten komplexen Saxophon-Technik kein Zweifel bestehen. Spannender dürfte da die Frage nach dem Dichtungsmaterial sein. Ausserdem waren im 19. Jahrhundert Fertigungstoleranzen im Spiel, die heutzutage pauschal unter “Ausschuss” gebucht würden. Ein einfacher Blick auf die Klappentechnik in Großaufnahme zeigt, was ich meine:


Was schnell erkennbar wird: Sowohl der aufgedoppelte Ring als auch die Klappe selbst müssen im Rahmen der Möglichkeiten plangeschliffen sein – besonders viel Spielraum für Unebenheiten gibt es schon im Ring nicht, obwohl da immerhin noch mit Unterlegmaterial und dem Kleber selbst justiert werden könnte. Die Klappe hingegen verzeiht überhaupt keine Nachlässigkeiten – eine verzogene Klappe, eine winzige Kerbe oder auch nur ein ungleichmäßiger Schliff, und schon ist eine Dichtigkeit nicht mehr herstellbar.
Noch spannender wird dann die Frage nach dem Material für die Dichtungen selbst. Was Anfang der 40er genau verwendet wurde, konnte ich noch nicht herausbekommen – Quellen sprechen von einem ähnlichen Material wie die normalen Klappenpolster, also Leder mit einer Füllung aus Papier und Filz. Das das für diese schmalen Ringe ein Problem werden dürfte, dafür bedarf es nicht einmal besonders farbenprächtiger Vorstellungskraft. Auf keinen Fall dürfte den Machern des Padless so etwas zur Verfügung gestanden haben:

Diese Ringe sind gleichzeitig eine Sisyphus-Arbeit und eine Glanzleistung von Maik (Ex-Woodwind24), der sie einzeln aus einem speziellen Schaummaterial, das mit feinem Leder laminiert wurde, ausgestanzt hat. Allein die Abmessungen der Ringe in Form von Stanzeisen passend abzubilden, war schon ein Akt für sich.
Eine Crux des Materials offenbarte sich leider erst bei der Montage des Padless – was wiederum ein Meisterstück meines Freundes ToKo war. Das verwendete Schaummaterial war entgegen unseren Erwartungen offenporig – damit waren die Ringe seitlich nicht ganz dicht, weil ja entgegen der “klassischen” Padless Dichtungen das Leder die Ringe nicht seitlich umschließt. Die einzige Chance, das Sax spielbar zu bekommen, war daher auch, die Ringe noch einmal nach erfolgtem Einbau und Justage rundum vorsichtig mit dunklem Silikon zu versiegeln. Hat natürlich ganz leicht etwas von “von hinten durch die Brust ins Knie”, aber worauf es primär ankam war, das Horn wieder spielbereit zu machen – denn der Sound ist wirklich ein Kapitel für sich…
Das Selmer Padless!
Freitag, Oktober 12th, 2007Angedeutet hatte ich es ja schon mehrfach, aber jetzt wird endlich gezeigt, was Sache ist:
Das Selmer Padless Saxophon ist ein Instrument mit einer interessanten und leider – zumindest für mich – noch nicht eindeutig nachvollziehbaren Geschichte. Daher mal so ungefähr das, was ich bislang zusammenreimen konnte:
Im Jahre 1939 hat Eugene Sander von der H&A Selmer, Inc., Elkhart, Indiana, USA, eine Eingebung: Er meldet einen völlig neuen Ansatz für die Abdichtung der Klappen von Holzblasinstrumenten zum Patent an. Das Patent mit der Nummer 2,227,230 kann online eingesehen werden, und zwar beim US Patent Office (Patentnummer dort bitte als 02227230 eingeben, dann klappt’s!).
Das Ergebnis seiner Entwicklung sieht beispielhaft etwa so aus:

Übrigens findet sich bei cybersax.com eine schöne Beschreibung eines Padless Altos plus deren englischsprachige Version der Geschichte des Padless. Ob die Chronologie dort näher an der tatsächlichen Geschichte ist – wer kann das nach fast 70 Jahren schon noch sagen? Realistisch erscheint allerdings die Einschätzung, dass die Linie wegen technischer Probleme bei der Herstellung und Wartung der Instrumente – die Dichtungsringe waren damals aus Leder mit Papiereinlage, und dementsprechend anfällig für Undichtigkeiten – wieder eingestellt wurde.
Soviel zur Geschichte. Überschlagsmäßig etwa 55 Jahre später gelangt eines dieser Saxophone, in diesem Fall ein Tenormodell, in meinen Besitz. Von den klassischen Dichtungen ist nichts mehr vorhanden, stattdessen befinden sich vom Alter verhärtete Gummiringe in den entsprechenden Ringvertiefungen. Damit machen die Klappen einen Höllenlärm, dennoch ist das Instrument leidlich von Tief-F bis ins hohe Register spielbar. Das, was an Tönen herauskommt, spricht eine deutliche Sprache: Dieses Saxophon muss wieder “singen” lernen. Das Design mit den plangeschliffenen Klappen und die spezielle Bauweise sorgen für ein Resonanz- und Anspracheverhalten, das ganz einzigartig ist. Es wäre eine Sünde, dieses Instrument weiter im Dornröschenschlaf liegen zu lassen…